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Ironie kann nerven. Da steht außen Weinschenke“ am Lokal und drinnen mampfen alle Burger … Also was jetzt? Zunächst einmal runter vom Welthass-Regler. Denn das Lokal hat seine Vorgeschichte. Als „Stadtheuriger“ – nicht das Synonym für’s Edelpuff, sondern eh als Weinlokal-cum-Deftiges – war der Nachfolger der Stiftswein-Ausschank in der Franzensgasse gedacht. Das funktionierte in Wien-Margareten eine Zeit lang, einer der gastronomischen Aktiv-Posten krempelte dann aber zuerst die tätowierten Ärmel auf und dann das Lokal um: Nikolai Kölbl hatte sein Handwerk unter anderem bei Michelin-Stern-Träger Kolja Kleeberg gelernt. Und der Mann aus dem Berliner Wrangel-Kiez tat, was man dort in der Schlesischen Straße in einem ehemaligen Pissoir (www.burger-meister.de) auch tut: Burger braten, dass man sich fragt, wie man bisher ohne sie auskam?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mittlerweile werden diese Laberl-Kreationen mit Namen wie „Vito, die Wildsau“ auch am Karmelitermarkt ausgefolgt und die Food-Blogger haben ein halbes Jahr die selbst zur Weltbewegungsfrage hochstilisierte Debatte geführt, ob das nun die besten Burger Wiens sind oder doch nicht. Ein „großartig“ reicht halt für jene nicht, die schon im Titel ihrer Ess-kapaden gerne „lecker“ schreiben und sich kränken, dass das Wort nicht wie eine Neon-Reklame leuchten kann (hätte man den Gif-Animierungs-Kurs doch nicht schwänzen sollen …). Als Elder Statesman des Fleischverzehrs sei meinerseits auf ein paar Fakten verwiesen: Leopold Hödl im 23. Bezirk hält einen Rekord, der dieser „Weltstadt“ gern peinlich sein darf: Er ist der letzte Fleischer Wiens, der seine Tiere noch selbst schlachtet. „Poldl“ H. fährt ins tiefe Niederösterreich und wählt jene Tiere, denen er das beste Fleisch zutraut. Behütet aufwachsen und sinnvoll sterben, könnte man das aus Carnivoren-Sicht nennen (Don’t tell your skinny, Veggie-girlfriend!).

Fakt 1 ist also, dass genau dieses Rindfleisch täglich frisch von Kölbl gewolft wird. Saftig sind die so gebratenen Burger – und sie müssen dazu nicht „rare“ sein, wovor sich auch viele harte Jungs in Wahrheit ekeln. Hat man ein Händchen für Garstufen, geht das auch ohne fleischrosa „Beistrich“ in der Laberlmitte. Speziell beim als trockenen verschrienen Wild-Burger, der mit karamellisiertem Rotkraut und Dörrzwetschken ins Brot darf, geht es um nuancierte Arbeit am Laibchen. Fragen Sie einfach nach „Vito, der Wildsau“. Dann erfahren Sie eventuell auch, was der Burger-Name mit Gerard Depardieu und einem betrunkenen Fotografen-Bruder zu tun hat …

Dazu kommt – Faktum 2 – die perfekte, weiche und bewusst nicht zu süße Doppelhülle (für die Blogger: „bun“) der Burger. Die Brötchen werden nach Vorstellung Kölbls aushäusig gebacken; noch besser als der Klassiker mit ausgefranstem Rand ist die Polenta-Maisbrot-Variante, die die saftigen Blößen des „Tijuna picante“ bedeckt. 12 Saucen anzubieten (WIENER-Favoriten: Blue Cheese und Thaicurry-Erdnuss), von denen jede auch mit Bedacht auf die Karte gesetzt wurde, stellt einen weiteren Mosaik-Stein dar, den dritten im Faktencheck um den Burger Wiens.

Genau diese Details unterscheiden die Hütte am Karmelitermarkt und ihr geräumigeres Mutterschiff in Margareten von den vielen „Ich mach mir’s leicht mit Burger“-Wirten. Und wer bisher die grünende Hoffnung namens Gemüse vermisste in der Fleisch-Eloge: Salat mit einem süchtig machenden Dressing haut der Berliner Tattoo-Fan (gibt’s überhaupt andere? Oder sind das nur Kreuzberger Schwaben?) auch raus. Für das „Menü“, also die wohlfeile 9,90 Euro-Kombi Burger-Beilage-Sauce, kommen aber auch Chips in Betracht. Diese werden so schulmäßig frittiert, dass die belgischen Fritten-Großmeister bzw. Kross-Meister erblassen. Zwei Mal wird ihnen zu Leibe gerückt, damit sie innen fluffig, außen Diamant-gehärtet sind.

Und was ist jetzt mit dem Wein? Den gibt es reichlich. Profi Franz Haslinger, Kölbls Kompagnon und „Vinissimo“-erprobt, schöpft aus dem Vollen. 70 Weine, dazu Säfte vom Preiss aus dem Traisental, von denen mindestens die Hälfte unbekannt sind, locken. Hier werden nicht Etiketten abgebildet und „big names“ heruntergebetet, sondern eine Weinkarte „kuratiert“. Schließlich steht am Eingangstor immer noch „Weinschenke“ über dem Laberl-Dorado der Stadt.

Text: Roland Graf

Quelle: http://wiener-online.at/2016/07/21/foodora-weinschenke/
Bilder: © Weinschenke